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Naturschutz und Artenvielfalt

„Stadttauben haben unseren Respekt verdient“

Stadttauben gelten oft als „Plage“, dabei sind sie frei lebende Haustiere, die täglich ums Überleben kämpfen. Eileen Jörs von Gandolfs Taubenfreunde Hamburg e.V. erklärt, welche Mythen sich hartnäckig halten – und wie betreute Taubenschläge Mensch und Tier entlasten.

Frau Jörs, Sie setzen sich für Stadttauben ein. Warum brauchen die Vögel unsere Unterstützung?

Eileen Jörs: Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern frei lebende, entflogene und ausgesetzte Haustiere. Sie stammen ursprünglich von der Felsentaube ab. Wir haben sie domestiziert und ihnen einen extrem starken Brutzwang und eine hohe Standorttreue angezüchtet. Sie müssen sechs- bis achtmal im Jahr jeweils zwei Eier legen – unabhängig davon, ob genug Nahrung da ist. Ihr Leben ist vergleichbar mit dem von Straßenhunden oder Streunerkatzen. Stadttauben sind gefiederte Streuner.

 

Ihr Verein Gandolfs Taubenfreunde ist in Hamburg aktiv. Wie unterstützen Sie die Tiere konkret?

Wir versorgen mit rund 40 Ehrenamtlichen Taubennotfälle in der ganzen Stadt – zwischen 150 und 200 pro Monat. Uns werden über verschiedene Kanäle verletzte und hilfsbedürftige Tauben gemeldet. Wir sichern sie, versorgen sie vor Ort oder nehmen sie in Pflegestellen auf, inklusive tierärztlicher Behandlung. Nach der Genesung entlassen wir sie möglichst in ihren Schwarm. Parallel betreiben wir Taubenhöfe für Tiere mit Handicaps, die dort einen würdigen Lebensabend verbringen.

Tauben prägen das Bild in vielen Innenstädten. Man könnte denken: „Die sind dick und rund, denen geht es gut.“

Das ist eines der größten Missverständnisse. Ihr Gefieder lässt sie gesünder aussehen, als sie es sind. Stadttauben ernähren sich eigentlich von Körnern. In unseren Innenstädten finden sie aber kaum artgerechtes Futter. Sie müssen sich von Abfällen und im schlimmsten Fall sogar von Erbrochenem ernähren. Das führt zu schwerer Fehl‑ und Mangelernährung. Mehr als 90 Prozent der Küken sterben im ersten Lebensjahr. Tauben schreien nicht, sie leiden lautlos.

 

Welche Missverständnisse oder Vorurteile begegnen Ihnen außerdem?

Ein zweiter Mythos ist, dass Taubenkot Gebäudesubstanz zerstört. Gesunder Taubenkot besteht aus kleinen, festen Häufchen und richtet keine Schäden an. Der Durchfall oder „Hungerkot“, den viele vor Augen haben, ist eine Folge der Mangelernährung. Er macht nur einen sehr kleinen Bruchteil der Gebäudeschäden aus. Der überwiegende Teil entsteht durch Abgase, Industrie und Verwitterung.

 

Stadttauben werden auch oft abschätzig „Ratten der Lüfte“ genannt …

Ja, es gibt das Vorurteil, Tauben seien gefährliche „Bakterienschleudern“. Diverse Studien und auch das Robert Koch‑Institut zeigen dagegen: Es gibt seit vielen Jahren keine nachgewiesenen Krankheitsübertragungen durch Stadt‑ oder Wildtauben auf den Menschen. Das Risiko liegt laut Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz im Bereich anderer Stadtwildtiere wie Meisen, Enten oder Eichhörnchen.

 

Zur Person

Eileen Jörs ist erste Vorsitzende von Gandolfs Taubenfreunde Hamburg e. V. und koordiniert das ehrenamtliche Stadttaubenschutz‑Team in Hamburg. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, Stadttauben als vom Menschen geschaffene Haustiere zu begreifen und politisch ein integratives Stadttaubenkonzept nach dem Augsburger Modell zu verankern. Gandolfs Taubenfreunde Hamburg e. V. ist ein ehrenamtlicher Taubenschutzverein, der verletzte und geschwächte Stadttauben versorgt und Taubenhöfe für gehandicapte Tiere betreibt. Der Verein berät Privatpersonen, Unternehmen und öffentliche Institutionen und engagiert sich für tierschutzgerechte Stadttaubenkonzepte in Hamburg.

ZitatBild
Von Menschen wünsche ich mir vor allem Respekt. Stadttauben haben ihren Platz auf dieser Erde genauso verdient wie wir.
- Eileen Jörs, von Gandolfs Taubenfreunde Hamburg (© privat)

 

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Tauben aus?

Er verschärft ihre Lage dramatisch: Die Brutplätze überhitzen, Jungvögel dehydrieren schon im Nest. Gleichzeitig wird der Boden extrem heiß, während Tauben den ganzen Tag nach Nahrung suchen und oft keinen Zugang zu Wasser haben, weil Ufer steil befestigt sind. Viele Tiere zeigen inzwischen Hitzestress, sie sitzen und „hecheln“ mit offenem Schnabel. Dazu kommt, dass die ohnehin ungeeignete Nahrung wie Brot oder Pommes in der Hitze schneller verdirbt und Magen‑Darm‑Probleme verstärkt. Maßnahmen zur Klimaanpassung würden auch den Tauben zugutekommen: mehr Grün, weniger Versiegelung, gut gestaltete Brunnen.

 

Sie kümmern sich nicht nur um verletzte Tiere, sondern auch um Aufklärung und Politik. Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Wir arbeiten mit der Deutschen Bahn, den Hamburger Verkehrsbetrieben und Veterinärämtern zusammen und beraten auch privat, wenn Menschen Probleme mit Tauben haben. Außerdem führen wir Statistiken über Notfälle und Verletzungsursachen, um die Wirkung unserer Arbeit zu belegen. Ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit ist das politische Engagement für ein integratives Stadttaubenkonzept.

 

Das Konzept soll den tierschutzgerechten Umgang mit Stadttauben gewährleisten. Wie funktioniert es?

Nicht mit schnellen, kurzfristigen Maßnahmen, sondern mit Lösungen, die an der Ursache ansetzen: der viel zu hohen Reproduktionsrate. Tauben brüten an schwer zugänglichen Orten, da ist es praktisch unmöglich, überall einzelne Nester zu finden. Die einzige nachhaltige und tierschutzkonforme Lösung ist der Aufbau betreuter Taubenschläge nach dem „Augsburger Modell“.

 

Das sind speziell eingerichtete Unterkünfte, in denen sich die Stadttauben ansiedeln?

Ja, die Tauben sind „Stubenhocker“ und verbringen 80 bis 90 Prozent des Tages am Schlag. Sie bekommen artgerechtes Futter und frisches Wasser, ihre Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht. So lässt sich der Nachwuchs kontrollieren. Die Tauben ziehen sich aus Brennpunkten wie Bahnhöfen und Fußgängerzonen zurück, während die Population langsam, aber deutlich sinkt. Das Ziel ist ein gesunder, kontrollierter Bestand. Die Vorstellung, Tauben ganz aus dem Stadtbild zu entfernen, ist eine Illusion.

In Hamburg werden bald sechs solcher Taubenschläge fertiggestellt. Ist das auch ein Ergebnis Ihrer Arbeit?

Ja, das ist ein Riesenerfolg. Wir sind seit Jahren in Ausschüssen und der Bürgerschaft unterwegs, um für ein stadtweites Konzept zu werben. Vor zwei Jahren hat die Hamburger Bürgerschaft über eine Million Euro für die Betreuung von zunächst sechs Taubenschlägen bewilligt – drei rund um den Hauptbahnhof, drei in Altona. Der Bau liegt bei den Bezirken, die Betreuung übernimmt die Stadtreinigung.

 

In vielen Städten zeigt sich bereits, dass das Modell funktioniert. Warum war trotzdem so viel Überzeugungsarbeit nötig?

Taubenschläge brauchen einige Jahre, bis ihre Wirkung sichtbar wird – die Politik denkt oft kurzfristiger. Gleichzeitig ist das ein Riesenprojekt, das ein Verein allein nicht stemmen kann. Hier ist die Stadtpolitik gefragt. Man braucht Standorte, Verträge mit Eigentümer:innen, jemanden, der dreimal die Woche reingeht, Kot entfernt, Wasser und Futter gibt und die Eier tauscht. Das ist harte körperliche Arbeit, die man in großen Städten wie Hamburg nicht nebenbei im Ehrenamt machen kann.

 

Was wünschen Sie sich von Menschen und von der Politik im Umgang mit Stadttauben?

Von der Politik wünsche ich mir, dass Stadttauben nicht als „Problem“ gesehen werden, sondern als Thema, das fest in die Stadtpolitik integriert werden muss. Von Menschen wünsche ich mir vor allem Respekt. Stadttauben haben ihren Platz auf dieser Erde genauso verdient wie wir. Niemand muss sie lieben, aber man sollte anerkennen, dass ihr Alltag vom Kampf ums Überleben geprägt ist. Gleichzeitig sehe ich, dass die jüngere Generation durch Themen wie Veganismus viel aufgeklärter und offener mit der Tierwelt umgeht. Ich hoffe sehr, dass da viele Menschen hinterherkommen, die sich langfristig für Stadttauben engagieren.

 

Lust an Zukunft

Mit der Initiative „Lust an Zukunft“ unterstützt dm-drogerie markt 2026 lokale Projekte in Deutschland, die sich für ein lebenswertes Miteinander und eine starke, vielfältige Gesellschaft einsetzen: In jedem der mehr als 2.150 dm-Märkte stellen sich im September zwei von den dm-Teams ausgewählte Initiativen aus dem lokalen Umfeld vor, in denen sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Eines dieser Projekte ist Barber Angels Brotherhood e.V. Unter dem Motto „Mensch, mach mit“ sind Kundinnen und Kunden sowie alle Bürgerinnen und Bürger vom 1. bis 24. September eingeladen, im Markt oder online unter  lustanzukunft.de  für ihre Favoriten abzustimmen.

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