„Es entsteht ein Gemeinschaftswerk, in dem jede Stimme wichtig ist“
Bei Cantovium spielen und singen junge Menschen klassische Musik – vollständig selbst organisiert. Dabei kommen sie ins Gespräch und knüpfen neue Bekanntschaften. Der Verein zeigt: In kulturellem Engagement steckt soziale Kraft.
Zu Hause, allein mit den Noten, klingt es oft erst einmal schrecklich. „Man denkt: Oje, wie soll das alles funktionieren? Wie soll das ein Konzertprogramm werden?“, sagt Lina Guttzeit. Sie ist zweite Vorsitzende von Cantovium e. V. Der Verein aus Wiesbaden organisiert gemeinsame Auftritte für einen Chor und ein Orchester aus jungen Menschen. Sie singen und spielen zusammen Stücke von Beethoven, Mozart und Mendelssohn oder Filmmusik aus „Pirates of the Caribbean“ und „Pocahontas“.
Guttzeit ist 21 Jahre alt und studiert Klimaschutz und Klimaanpassung. Ihr Engagement für den Verein ist ehrenamtlich. Sie gehört zu den rund 27 Millionen Menschen in Deutschland, die sich freiwillig engagieren. Knapp fünf Millionen davon sind im Kulturbereich aktiv: in Chören und Musikgruppen, in Theatergruppen, Karnevalsvereinen oder in der Denkmalpflege. „Das Spannende an der Musik ist, dass unterschiedlichste Leute gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten, ganz ohne politische Themen“, sagt Guttzeit.
Diese Erfahrung steht im Kontrast zu dem, was Umfragen über das gesellschaftliche Klima zeigen. 81 Prozent der Menschen in Deutschland empfinden die Gesellschaft als gespalten, mehr als die Hälfte der Deutschen hat kaum Vertrauen in die Demokratie. Unter jungen Menschen fühlen sich viele einsam – und wer besonders einsam ist, glaubt seltener daran, gesellschaftlich etwas bewirken zu können. Das Angebot von Cantovium setzt genau hier an.
Der Spaß steht im Vordergrund
Der Verein richtet sich explizit an junge Menschen bis 29 Jahre: Schülerinnen und Schüler, Studierende, Azubis, Freiwilligendienstleistende und Berufstätige. Die Projekte sind kostenlos. Ein Vorspielen oder Vorsingen, wie es in Landesjugendchören oder -orchestern üblich ist, gibt es hier nicht. „Bei uns geht es darum, dass man sein Instrument nicht verlernt und den Spaß an der Musik behält“, sagt Guttzeit. Ganz offen ist der Zugang allerdings nicht: Für das Orchester braucht es eine musikalische Grundausbildung. Im Chor dagegen ist der Einstieg leichter.
Cantovium organisiert mit 28 ehrenamtlichen Mitgliedern zwei Projekte pro Jahr. Rund 60 junge Musikerinnen und Musiker stehen dann bei den Konzerten auf der Bühne. Wer sich für einen Auftritt anmeldet, bekommt die Noten vorab zugeschickt und übt zunächst für sich. Beim gemeinsamen Probenwochenende arbeiten Chor und Orchester zunächst getrennt voneinander. Schritt für Schritt wird das Stück daraus zusammengebaut. „So entsteht ein Gesamtklang, in dem jede Stimme wichtig ist“, sagt Lina Guttzeit.
Nach den Proben entstehen persönliche Begegnungen
Wichtig ist auch, was in den Pausen und nach den Proben passiert. Die Teilnehmenden sitzen beim Essen zusammen, trinken abends noch eine Limonade – und kommen ins Gespräch. „Man trifft die unterschiedlichsten Leute und entwickelt ein Gemeinschaftsgefühl“, erzählt Guttzeit. „Dann kann man irgendwann auch über gesellschaftliche Themen reden.“ Damit Interessierte von weiter her ebenfalls mitmachen können, organisiert Cantovium eine einfache Bettenbörse: Wer anreist, übernachtet bei anderen Ensemblemitgliedern.
Der Verein versteht sich als lokales Netzwerk, in dem neue Kooperationen junger Musikerinnen und Musiker entstehen können. Nach einem Auftritt im März etwa nahm ein junger Singer-Songwriter aus der Region Kontakt auf. Er suchte Unterstützung für ein Release-Konzert und fand in dem Ensemble vier Streicher, die ihn schließlich als Quartett begleiteten. Für beide Seiten eine erfrischende Erfahrung, sagt Lina Guttzeit: „Es ist wichtig, nicht in seiner eigenen Bubble stehen zu bleiben, sondern durch Musik auch mal woanders einzutauchen.“
Kulturelle Projekte schaffen „dritte Orte“ jenseits der Filterblasen
Solche gemeinsamen Räume, wie Cantovium sie öffnet, sind nicht selbstverständlich. Der Alltag junger Menschen wird heute stark durch digitale Algorithmen geprägt. 39 Prozent der 18- bis 24-Jährigen nennen soziale Medien als ihre wichtigste Nachrichtenquelle, zehn Jahre zuvor waren es 21 Prozent. Gleichzeitig ist das ehrenamtliche Engagement laut des aktuellen Deutschen Freiwilligensurveys in Kultur und Musik zurückgegangen: Der Anteil der Bevölkerung ab 14 Jahren, der hier aktiv ist, ist von 8,6 Prozent (2019) auf 6,3 Prozent (2024) gesunken.
Auch die Finanzierung stellt für kleine Vereine eine Herausforderung dar. Cantovium ist auf Fördermittel, Spenden und Crowdfunding angewiesen. Für jedes neue Vorhaben braucht es Zusagen, bevor die Proben beginnen können. Dabei schaffen gerade kulturelle Projekte die „dritten Orte“, an denen sich Menschen jenseits von Feeds und Filterblasen begegnen können. „Ob in der Großstadt, die eher unter Anonymisierung leidet, oder im kleinen Dorf, wo man sich manchmal auch alleine fühlt: Jeder Verein kann dazu beitragen, dass Leute zusammenfinden“, sagt Lina Guttzeit.
Die Sängerinnen und Sänger des Vereins Cantovium beim Matinee-Projekt im Februar 2025 in der Lutherkirche in Wiesbaden.
„Das ist ein sehr berauschendes Gefühl“
Wie so ein Ort entstehen kann, zeigt die Gründungsgeschichte von Cantovium. 2023 wollten einige Schulfreundinnen und -freunde zusammen singen, fanden allerdings keinen passenden Chor. Einer von ihnen war Philipp Guttzeit, Linas Cousin. Er entschloss sich, für den Abschluss seines Freiwilligen Sozialen Jahres ein Probenwochenende mit Matinee zu organisieren. Dafür meldeten sich schließlich so viele Menschen an, dass aus der einmaligen Idee 2025 ein Verein wurde – mit Ensembles, die vor Hunderten von Menschen auftreten.
Dass Jugendliche so ein Projekt selbst auf die Beine stellen, trifft manchmal auf Verwunderung, sagt Lina Guttzeit. „Aber unsere Generation ist nicht faul oder in sich gekehrt. Wir möchten etwas auf die Bühne bringen, weil wir das können.“ Und dort, nach den ersten mühsamen Übungseinheiten zu Hause und dem gemeinsamen Probenwochenende, kann sich die besondere Magie des Musizierens entfalten. „Man ist selbst nur eine Stimme und merkt dann, wie die einzelnen Teile zusammenkommen“, schwärmt die Studentin. „Das ist ein sehr berauschendes Gefühl.“
Lust an Zukunft
Mit der Initiative „Lust an Zukunft“ unterstützt dm-drogerie markt 2026 lokale Projekte in Deutschland, die sich für ein lebenswertes Miteinander und eine starke, vielfältige Gesellschaft einsetzen: In jedem der mehr als 2.150 dm-Märkte stellen sich im September zwei von den dm-Teams ausgewählte Initiativen aus dem lokalen Umfeld vor, in denen sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Eines dieser Projekte ist Barber Angels Brotherhood e.V. Unter dem Motto „Mensch, mach mit“ sind Kundinnen und Kunden sowie alle Bürgerinnen und Bürger vom 1. bis 24. September eingeladen, im Markt oder online unter lustanzukunft.de für ihre Favoriten abzustimmen.


