Helfen, bevor die Krise kommt
Das Gesundheitssystem steht vor Herausforderungen. Wie kann man Menschen erreichen, bevor Krisen entstehen?
Wir wissen so viel über Gesundheit wie noch nie: Informationen sind heute durch das Internet und die sozialen Medien für die meisten leicht zugänglich. Doch mehr Informationen bedeuten nicht automatisch bessere Gesundheit. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, verlässliche Auskünfte zu erkennen, sie einzuordnen und auf den eigenen Alltag zu übertragen. Gleichzeitig wächst der Unterstützungsbedarf. Deutschland altert: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird im Jahr 2035 etwa jeder vierte Mensch 67 Jahre oder älter sein. Psychische Belastungen und Erkrankungen betreffen ebenfalls einen erheblichen Teil der Bevölkerung. Hinzu kommt die wachsende Einsamkeit, die Körper und Psyche negativ beeinflussen kann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass soziale Isolation und Einsamkeit unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Depressionen und einen vorzeitigen Tod verbunden sind.
So entsteht eine gesundheitspolitische Herausforderung, die sich nicht allein in Arztpraxen und Krankenhäusern bewältigen lässt. Das deutsche Gesundheitssystem verfügt zwar über zahlreiche Angebote zur Prävention, ist in seiner Praxis jedoch auf die Behandlung bereits bestehender Beschwerden ausgerichtet. Vielen Menschen wäre früher geholfen: durch verständliche Informationen, leicht erreichbare Unterstützung und konkrete Möglichkeiten, die eigene Gesundheit zu stärken. Wie kann Prävention die Menschen erreichen, bevor aus Belastungen akute Krisen werden? Was motiviert die Menschen, selbstbestimmt an ihrer Gesundheit zu arbeiten? Wie lässt sich Gesundheitskompetenz in einer Zeit fördern, in der Informationen nahezu unbegrenzt verfügbar, aber nicht immer verlässlich sind? Und welche Rolle können Vereine, ehrenamtlich Engagierte und öffentliche Einrichtungen dabei übernehmen?
"Menschen befürchten, keine Aufmerksamkeit zu bekommen"
Wie viel Bedarf besteht, zeigt sich dort, wo Menschen in Krisen Hilfe suchen, wenn sie in regulären Institutionen keine passende Anlaufstelle finden. Einer, der hilft, ist Martin Lücker: Er hat nach einer Krebserkrankung 2005 den Verein Aachener Engel gegründet, zunächst als Unterstützungsangebot für Krebspatientinnen und -patienten. Die Aachener Engel helfen heute in verschiedenen Belangen: bei schweren Erkrankungen, psychischer oder finanzieller Not und bei häuslicher Gewalt. Bei seiner täglichen Arbeit sieht Lücker, wie maßgeblich das Ehrenamt Lebenswege zum Positiven beeinflussen kann – und wie stark der Hilfsbedarf in den letzten Jahren gestiegen ist. „Seit der Coronapandemie merken wir, dass die allgemeine Belastbarkeit niedrig ist“, sagt Lücker. „Einsamkeit, finanzielle Sorgen, Angstzustände und Depressionen in Verbindung mit schweren Schicksalsschlägen sind häufig die Ursachen für Hilfsanfragen, genauso wie häusliche Gewalt oder Mobbing.“ Für Lücker hängt all das zusammen – denn psychische Belastung wirkt sich auf den Körper aus und umgekehrt. Er sagt, dass bei gesundheitlichen Themen das Vertrauen in die Institutionen sinkt: „Die Menschen befürchten, falsch behandelt zu werden oder keine Aufmerksamkeit zu bekommen. Zusätzlich verunsichert sie die Flut an Informationen, die man zum Beispiel aus den sozialen Medien beziehen kann.“ Das bestätigt die Forschung: Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2026 hat ergeben, dass der Anteil an Menschen mit erheblichen Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen in Deutschland zwar zuletzt leicht gesunken ist, aber immer noch bei knapp 56 Prozent liegt. Ein positiver Trend zeigt sich außerdem nur in sozial und finanziell stabilen Bevölkerungsgruppen: Wer also ohnehin schon Gesundheitskompetenz hat, kann diese weiter ausbauen. Menschen mit niedrigem Sozialstatus oder wenig Geld haben dagegen niedrigere Chancen. Soziale Ungleichheit zeigt sich also auch im Gesundheitsverhalten. Umso wichtiger sind niedrigschwellige Angebote von Vereinen wie den Aachener Engeln.
Martin Lücker gründete den Verein Aachener Engel e.V. nach eigener Krebserkankung.
Wie aber erreichen die Aachener Engel Menschen, die Unterstützung benötigen? Der Verein setzt auf leicht zugängliche Angebote und persönliche Präsenz: mit Informationsständen, Anlaufstellen vor Ort und einem Netzwerk, zu dem unter anderem die Jugend Psychiatrie der Uniklinik Aachen, Förderschulen und soziale Betreuungseinrichtungen gehören. Für Martin Lücker ist es ebenso wichtig, Krisen vorzubeugen wie in akuten Notlagen zu helfen. Deshalb schafft der Verein gesundheitsfördernde Angebote, die auch Menschen mit schlechteren Ausgangsbedingungen erreichen sollen. Dazu gehören Präventions- und Aufklärungsprojekte für Kinder und Jugendliche, die früh lernen, auf ihre körperliche und psychische Gesundheit zu achten. Initiativen wie „Bildung 0,- Euro“ und „Sport statt Gewalt“ sollen jungen Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft neue Perspektiven eröffnen. Einige von ihnen begleitet der Verein über mehrere Jahre hinweg.
Das Ehrenamt, eine Stütze für das Gesundheitssystem
Das macht ehrenamtliche Vereine und Hilfsangebote mittlerweile zu einer wichtigen Stütze des Gesundheitssystems, das von Überlastung und finanziellen Kürzungen betroffen ist. Darunter leiden Patientinnen und Patienten genauso wie Klinik- oder Pflegepersonal. „Das Ehrenamt sollte kein Lückenfüller sein“, sagt der Gründer der Aachener Engel. Für ihn zeigt die steigende Relevanz des bürgerschaftlichen Engagements, dass das Gesundheitssystem an vielen Stellen nicht mehr funktioniert. Dazu kommt die schwierige wirtschaftliche Lage: „Hilfsorganisationen erhalten immer weniger Spenden, das betrifft uns auch. Wir erhalten außerdem häufiger Anfragen von Menschen in finanzieller Not“, erzählt Lücker. Der Verein wird vor allem von großzügigen Privatspenderinnen und -spendern sowie von Unternehmen finanziert. Um öffentliche Mittel zu beantragen, fehle oft die Zeit, so Lücker. Dabei ist es gerade jetzt enorm wichtig, Menschen in Krisen das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und sie Hilfe erhalten, wenn sie diese brauchen. „Ängste und Unsicherheiten können in der Gemeinschaft leichter getragen werden als alleine“, sagt Martin Lücker. So ließen sich einige Krisen früh abwenden. Für ihn ist das Zugehörigkeitsgefühl, das Menschen bei den Aachener Engeln spüren, das wichtigste Mittel zur Prävention.
Lust an Zukunft
Mit der Initiative „Lust an Zukunft“ unterstützt dm-drogerie markt 2026 lokale Projekte in Deutschland, die sich für ein lebenswertes Miteinander und eine starke, vielfältige Gesellschaft einsetzen: In jedem der mehr als 2.150 dm-Märkte stellen sich im September zwei von den dm-Teams ausgewählte Initiativen aus dem lokalen Umfeld vor, in denen sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Eines dieser Projekte ist Barber Angels Brotherhood e.V. Unter dem Motto „Mensch, mach mit“ sind Kundinnen und Kunden sowie alle Bürgerinnen und Bürger vom 1. bis 24. September eingeladen, im Markt oder online unter lustanzukunft.de für ihre Favoriten abzustimmen.


