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Gemeinschaft und Mitwirkung

„Das Ehrenamt hat meine Perspektive verändert“

 

Francesca Bruscia schneidet bedürftigen Menschen kostenfrei die Haare. Die Friseurin ist Teil des Vereins Barber Angels Brotherhood und damit eine von insgesamt rund 27 Millionen Helferinnen und Helfern, die sich deutschlandweit in verschiedenen Vereinen engagieren. Warum ihre Arbeit so entscheidend ist und was ein kostenloser Haarschnitt für unsere Gesellschaft tut, erzählt Bruscia im Interview.

Frau Bruscia, was kann ein Haarschnitt verändern?

Francesca Bruscia: Wir spüren bei unserer Arbeit immer wieder: Die Zuwendung, die Pflege und auch das Zuhören während des Haareschneidens machen einen Unterschied. Die Menschen werden gesehen und spüren, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind. Manche können so auch wieder leichter Mut für ihre nächsten Schritte fassen. Wir halten die Momente außerdem mit Fotos fest. Man sieht es am Lächeln und an der Ausstrahlung, welchen Unterschied ein Haarschnitt und etwas Zuwendung machen kann.

Seit wann engagieren Sie sich ehrenamtlich?

Ich bin seit 2022 Teil des Barber Angels Brotherhood e.V. und organisiere die Aktivitäten in und um Stuttgart. Bevor ich mich engagiert habe, war mir nicht klar, wie viel Bedarf es gibt. Das blendet man im Alltag oft aus. Ich arbeite seit 27 Jahren als selbstständige Friseurin in Waiblingen und wollte einen Beitrag leisten – am liebsten mit dem, was ich am besten kann und tagtäglich mache.

Welchen Menschen begegnen Sie bei Ihrer Arbeit?

Zu uns kommen Rentner:innen, wohnungslose Menschen und solche, bei denen das Geld nicht reicht. Ihre Geschichten sind ganz unterschiedlich. Manche haben sich ihr Leben lang um andere gekümmert und sind jetzt alleine, andere sind in die Altersarmut gerutscht oder suchtkrank. Durch meine Arbeit ist mir wiederholt klar geworden, dass so vieles im Leben einfach mit Glück zu tun hat.

Welche Situation ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich finde es toll, wenn ich Menschen und deren Entwicklung länger begleiten kann. Oft sehe ich sie über ein Jahr lang nicht, dann kommen sie wieder und wissen immer noch meinen Namen, obwohl ich ihnen „nur“ die Haare geschnitten habe. Besonders einprägsam war mein erster Einsatz in Pforzheim: Da hat mir ein Mann zum Dank drei Bonbons gegeben, die ich aber nicht annehmen konnte – in meinem Laden stand eine ganze Schüssel voller Bonbons für meine Kund:innen. Das hat mich sehr gerührt, weil es gezeigt hat, für wie selbstverständlich ich manches genommen habe und wie großzügig Menschen selbst in schwierigsten Verhältnissen sind.

Zur Person und zum Verein

Francesca Bruscia ist Friseurin aus dem baden-württembergischen Waiblingen. Mit ihrem Handwerk unterstützt die Saloninhaberin den Barber Angels Brotherhood e. V. Seit 2016 bietet der Verein obdachlosen und bedürftigen Menschen kostenlose Haarschnitte an. Insgesamt sind knapp 400 Mitglieder weltweit ehrenamtlich an der Friseurschere aktiv.

 

ZitatBild
Das Ehrenamt hat meine Perspektive verändert. Mein Fokus liegt jetzt weniger darauf, immer mehr schaffen und erreichen zu wollen, sondern vielmehr auf Dankbarkeit.
- Francesca Bruscia, Barber Angels Brotherhood e.V. (© privat) 

 

Wie kommt der Kontakt zu bedürftigen Menschen zustande?

Das läuft immer in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie der Bahnhofsmission, der Suppenküche oder Wohnhäusern für wohnungslose Menschen. Da haben wir ein stabiles Netz aus verschiedenen Organisationen, die unsere Arbeit möglich machen. Die Helfer:innen vor Ort können einschätzen, wann Bedarf besteht; die Menschen können sich dann für fixe Termine eintragen, damit wir wissen, wie viele Haarschnitte wir einplanen sollen. Zeitgleich organisiere ich die ehrenamtlichen Helfer:innen, die mit mir Haare schneiden oder andere organisatorische Aufgaben übernehmen.

2024 wurde Claus Niedermaier, Gründer des Barber Angels Brotherhood e. V., mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Wie wichtig ist das für Ihre Arbeit?

Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen ihre Freizeit in die Gemeinschaft investieren: Wir alle haben fordernde Jobs, ein Privatleben und viele Verpflichtungen. Daher ist die Auszeichnung eine wichtige Geste der Wertschätzung für uns und unsere Arbeit. Es ist schön, zu sehen, dass das Ehrenamt als Stütze der Gesellschaft anerkannt wird, denn davon profitieren am Ende alle.

Inwiefern?

Das Ehrenamt hat meine Perspektive verändert. Mein Fokus liegt jetzt weniger darauf, immer mehr schaffen und erreichen zu wollen, sondern vielmehr auf Dankbarkeit. Heute weiß ich es zu schätzen, dass ich mir einen vollen Kühlschrank und einen vollen Tank leisten kann, das ist nicht mehr selbstverständlich für mich. Mittlerweile sind meine Kinder und mein Mann ebenfalls Teil der Barber Angels, auch sie haben dadurch einen anderen Blick aufs Leben gewonnen. Außerdem hat man dadurch wieder Kontakt mit Menschen, die andere Lebenswege gehen als man selbst. Das schafft Verständnis, Toleranz und Mitgefühl und baut Berührungsängste ab. Uns ist wichtig, dass wir auf Augenhöhe arbeiten.

Was brauchen ehrenamtliche Vereine, um zielführend helfen zu können?

Öffentliche Gelder und Subventionen. Unser Verein finanziert sich vor allem über Spenden, ohne die geht es nicht. Und mehr Mut unter Freiwilligen, aktiv zu werden. Ich höre oft von anderen, wie toll sie es finden, dass ich mich engagiere. Sie selbst kommen aber nicht ins Handeln. Ich ermutige jede:n, aktiv zu werden. Auch kleine Schritte helfen der Gemeinschaft und stärken das Gefühl, etwas bewegen zu können.

Wie kann man Mitglied beim Barber Angels Brotherhood e. V. werden?

Für Friseur:innen gibt es Probetermine, bei denen wir uns anschauen, wie der Kontakt mit den Menschen funktioniert. Dafür braucht man Feingefühl, man wird mit schweren Schicksalen und zudem hygienischen Herausforderungen konfrontiert. Wer davor zu großen Respekt hat, kann auch organisatorisch unterstützen. Wir benötigen immer wieder Menschen, die Termine koordinieren oder den Kontakt mit anderen Vereinen pflegen. Jeder Mensch hilft.

Lust an Zukunft

Mit der Initiative „Lust an Zukunft“ unterstützt dm-drogerie markt 2026 lokale Projekte in Deutschland, die sich für ein lebenswertes Miteinander und eine starke, vielfältige Gesellschaft einsetzen: In jedem der mehr als 2.150 dm-Märkte stellen sich im September zwei von den dm-Teams ausgewählte Initiativen aus dem lokalen Umfeld vor, in denen sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Eines dieser Projekte ist Barber Angels Brotherhood e.V. Unter dem Motto „Mensch, mach mit“ sind Kundinnen und Kunden sowie alle Bürgerinnen und Bürger vom 1. bis 24. September eingeladen, im Markt oder online unter  lustanzukunft.de  für ihre Favoriten abzustimmen.

 

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