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Europas Wirtschaft im Wandel der Wissensökonomie

Europas Ideen sind da. Das Kapital erreicht sie nicht

Europa investiert Milliarden in Forschung, Innovation und Zukunftstechnologien. Dennoch gelingt es vielen Unternehmen nicht, ihre Ideen zu globalen Erfolgsgeschichten zu machen. Während häufig über Bürokratie, Fachkräftemangel oder Energiepreise diskutiert wird, bleibt ein entscheidender Wettbewerbsfaktor oft unbeachtet: die Finanzierung innovativer Unternehmen. Eine neue Studie des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) zeigt, warum Europas wertvollste Vermögenswerte bislang kaum als Hebel für Wachstum genutzt werden.

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Europas Innovationsproblem beginnt nicht im Labor

Wenn über Europas Wettbewerbsfähigkeit gesprochen wird, stehen meist bekannte Themen im Mittelpunkt: Produktivität, Regulierung, Energiepreise oder die Fragmentierung der Kapitalmärkte. Weniger Aufmerksamkeit erhält eine andere Frage: Warum gelingt es Europa trotz exzellenter Forschung und starker Innovationskraft vergleichsweise selten, neue globale Marktführer hervorzubringen? Dabei mangelt es dem Kontinent weder an Ideen noch an Talenten. Europas Unternehmen entwickeln Patente, Technologien, Marken und Geschäftsmodelle, die international wettbewerbsfähig sind. Universitäten und Forschungseinrichtungen liefern regelmäßig wissenschaftliche Spitzenleistungen. Dennoch stoßen viele innovative Unternehmen genau dann an Grenzen, wenn sie ihre Ideen skalieren und international ausbauen wollen. Die Herausforderung beginnt häufig nicht bei der Innovation selbst, sondern bei deren Finanzierung.

Eine aktuelle Studie des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) identifiziert dabei einen bislang wenig beachteten Engpass. Während die moderne Wirtschaft zunehmend von immateriellen Vermögenswerten geprägt wird, bleiben diese im Finanzsystem häufig unterbewertet oder sogar unsichtbar. Patente, Marken, Designs, Software und andere Formen geistigen Eigentums bilden heute die Grundlage zahlreicher Geschäftsmodelle. Dennoch spielen sie bei Finanzierungsentscheidungen oftmals nur eine begrenzte Rolle.

Die unsichtbaren Milliarden der europäischen Wirtschaft

Für viele innovative Unternehmen stellen geistige Eigentumsrechte den wertvollsten Teil ihres Unternehmenswertes dar. Sie sichern technologische Vorsprünge, schaffen Markteintrittsbarrieren und ermöglichen langfristige Wettbewerbsvorteile. Trotzdem werden sie in Europa häufig noch primär als juristische Schutzinstrumente verstanden – und weniger als wirtschaftliche Vermögenswerte mit Finanzierungsfunktion. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache.

IP-intensive Branchen erwirtschaften rund 48 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union und stehen für nahezu 31 Prozent aller Arbeitsplätze. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass nur 13 Prozent der Unternehmen mit Schutzrechten jemals versucht haben, diese aktiv für Finanzierungszwecke einzusetzen. Viele Unternehmen haben ihre Schutzrechte bislang nicht professionell bewerten lassen. Dadurch bleiben erhebliche Teile ihres tatsächlichen Unternehmenswertes für Banken, Investoren und andere Finanzierungsgeber weitgehend unsichtbar.

Die wirtschaftlichen Folgen reichen weit über einzelne Unternehmen hinaus. Wenn zentrale Vermögenswerte nicht angemessen berücksichtigt werden, sinken die Finanzierungsmöglichkeiten für Innovation, Wachstum und Internationalisierung. Unternehmen investieren später, wachsen langsamer oder verschieben strategische Entscheidungen.

Die Finanzierungslücke ist größer als gedacht

Die wirtschaftliche Dimension dieses Problems wird besonders deutlich, wenn man die Zahlen der Studie betrachtet. Die Finanzierungslücke europäischer kleiner und mittlerer Unternehmen wird auf bis zu 365 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Davon entfallen zwischen 70 und 150 Milliarden Euro auf Unternehmen, deren Geschäftsmodelle in besonderem Maße auf geistigem Eigentum beruhen. Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass mit geeigneten Rahmenbedingungen zusätzliche Finanzierungsvolumina zwischen 30 und 120 Milliarden Euro pro Jahr mobilisiert werden könnten.

Diese Größenordnungen verdeutlichen, dass es sich nicht um ein Nischenthema handelt. Es geht um einen potenziell bedeutenden Wachstumshebel für Europas Wirtschaft. Die Finanzierungslücke ist jedoch nur das sichtbarste Symptom. Die Studie macht deutlich, dass die Hindernisse entlang der gesamten Innovations- und Finanzierungskette entstehen – von der Forschung über die Schaffung und den Schutz geistigen Eigentums bis hin zu Finanzierung, Wachstum und Reinvestition.

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Die Darstellung macht deutlich, dass die begrenzte Nutzung von IP-basierter Finanzierung nicht auf einen einzelnen Engpass zurückzuführen ist. Vielmehr entsteht sie durch das Zusammenwirken verschiedener struktureller Hindernisse. Bewertungsfragen, regulatorische Unsicherheiten, fehlende Daten und eingeschränkte Finanzierungsmöglichkeiten verstärken sich gegenseitig und erschweren den Zugang zu Kapital für innovative Unternehmen.

Warum Banken bei geistigem Eigentum zurückhaltend bleiben

Die Zurückhaltung vieler Finanzinstitute ist dabei nachvollziehbar. Geistiges Eigentum funktioniert anders als traditionelle Sicherheiten. Eine Immobilie oder eine Maschine lässt sich anhand etablierter Marktmechanismen bewerten. Für Patente, Marken oder Designs ist dies deutlich schwieriger. Ihr wirtschaftlicher Wert hängt von zahlreichen Faktoren ab: technologischer Entwicklung, Marktakzeptanz, Wettbewerbssituation oder der tatsächlichen Durchsetzbarkeit von Schutzrechten. Hinzu kommt, dass viele Schutzrechte einzigartig sind. Vergleichbare Markttransaktionen sind selten und belastbare Daten entsprechend begrenzt. Auch die Bewertung selbst ist oftmals aufwendig und kostspielig. Die Zahl spezialisierter Experten ist begrenzt, einheitliche Standards befinden sich erst im Aufbau und die verfügbaren Informationen reichen häufig nicht aus, um Risiken präzise einzuschätzen.

Das Ergebnis ist ein Kreislauf, den die Studie als zentrales Hindernis für die Entwicklung eines funktionierenden Marktes für IP-basierte Finanzierung beschreibt. Weil es nur wenige Transaktionen gibt, entstehen nur wenige Daten. Weil Daten fehlen, bleibt die Risikobewertung schwierig. Und solange Risiken nicht verlässlich bewertet werden können, entstehen wiederum nur wenige neue Finanzierungen. Viele Banken reagieren deshalb mit hohen Risikoabschlägen oder verzichten vollständig darauf, geistiges Eigentum als Kreditsicherheit anzuerkennen.

João Negrão, Exekutivdirektor des EUIPO

Europas Finanzsystem ist noch nicht auf die Wissensökonomie ausgerichtet

Neben Bewertungsfragen verweist die Studie auf weitere strukturelle Herausforderungen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Nutzung geistigen Eigentums als Kreditsicherheit unterscheiden sich innerhalb Europas teilweise erheblich. Einheitliche Verfahren fehlen ebenso wie harmonisierte Register, die Transparenz über bestehende Verpfändungen von Schutzrechten schaffen könnten. Für Finanzierungsgeber erhöht dies die Unsicherheit zusätzlich. Für João Negrão, Exekutivdirektor des EUIPO, ist dies ein wesentlicher Faktor im internationalen Wettbewerb um Innovation und Wachstum. „Wie die Berichte von Draghi und Letta deutlich machen, steht Europa vor einer Wettbewerbsfähigkeitslücke. Europa ist hervorragend darin, Ideen und Forschung hervorzubringen – hat aber Schwierigkeiten, innovative Unternehmen im gleichen Tempo wie globale Wettbewerber wachsen zu lassen.“

Noch deutlicher wird er bei der Beschreibung der Ursachen: „Zu viele vielversprechende Start-ups verlassen die EU, nicht weil es ihnen an Talent oder wertvollen Vermögenswerten fehlt, sondern weil unsere Finanzsysteme die immateriellen Werte, die die moderne Wirtschaft antreiben, nicht ausreichend anerkennen.“ Die Aussage verweist auf eine grundlegende Herausforderung. Europas Wirtschaft entwickelt sich immer stärker in Richtung wissensbasierter Wertschöpfung. Das Finanzsystem orientiert sich vielerorts jedoch weiterhin an den Logiken einer stärker industrie- und anlagengetriebenen Wirtschaft.

Unternehmen, die sich näher mit der wirtschaftlichen Nutzung von Schutzrechten beschäftigen möchten, finden zusätzliche Informationen und Unterstützungsangebote beim EUIPO.

Ein Fahrplan für einen europäischen Markt für IP-basierte Finanzierung

Die EUIPO-Studie beschränkt sich nicht auf die Analyse bestehender Defizite. Die Studie identifiziert insgesamt 18 mögliche Maßnahmen entlang von drei Handlungsfeldern und bündelt diese in fünf Prioritäten. Die vorgeschlagenen Maßnahmen bauen dabei aufeinander auf und reichen von der besseren Sichtbarkeit geistigen Eigentums bis hin zum Aufbau einer gemeinsamen Datenbasis und institutionellen Koordination.

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Im Zentrum steht zunächst die bessere Sichtbarkeit geistigen Eigentums. Unternehmen sollen ihre immateriellen Vermögenswerte strukturierter offenlegen können, damit Finanzierungsgeber deren wirtschaftliche Bedeutung besser einschätzen können. Darauf aufbauend fordert die Studie glaubwürdige und europaweit anwendbare Bewertungsstandards. Erst wenn Vertrauen in die Bewertung entsteht, kann geistiges Eigentum stärker in Finanzierungsentscheidungen integriert werden.

Ein dritter Schwerpunkt betrifft die Kreditvergabe selbst. Garantieinstrumente, öffentliche Finanzierungslösungen und weitere Formen der Risikoteilung sollen Banken dabei unterstützen, Finanzierungen auf Basis geistigen Eigentums anzubieten. Ergänzt werden diese Maßnahmen durch den Aufbau einer belastbaren Datenbasis sowie eine stärkere institutionelle Koordination zwischen Politik, Finanzwirtschaft und Innovationsakteuren. Die Studie versteht sich dabei ausdrücklich nicht als Gesetzesvorschlag. Vielmehr soll sie die Grundlage für weitere Diskussionen und konkrete Maßnahmen auf europäischer Ebene schaffen.

Praxis: IP strategisch nutzen

Die EUIPO-Studie zeigt: Geistiges Eigentum kann weit mehr sein als rechtlicher Schutz. Richtig bewertet und strategisch eingesetzt, eröffnet es Unternehmen neue Finanzierungsmöglichkeiten. Angebote des EUIPO wie „Identify, Protect and Monetise IP Assets“ oder IP Scan unterstützen Unternehmen dabei, geistiges Eigentum gezielt in ihre Geschäftsstrategie einzubinden.

 

Europas wertvollste Ressource ist bereits vorhanden

Die Debatte über Europas Wettbewerbsfähigkeit konzentriert sich häufig auf neue Investitionen, Förderprogramme oder industriepolitische Maßnahmen. Die Ergebnisse der EUIPO-Studie legen jedoch nahe, dass ein erheblicher Teil des Potenzials bereits vorhanden ist. Europäische Unternehmen verfügen über wertvolle immaterielle Vermögenswerte. Sie entwickeln Technologien, schaffen Innovationen und sichern Wettbewerbsvorteile auf globalen Märkten. Gleichzeitig werden diese Vermögenswerte bislang nur eingeschränkt genutzt, um Wachstum zu finanzieren.

João Negrão fasst diesen Gedanken zusammen: „Geistige Eigentumsrechte sind nicht nur rechtlicher Schutz. Sie sind starke wirtschaftliche Instrumente, die Unternehmen dabei helfen können, den Wert ihrer Innovationen zu erschließen und die Mittel zu erhalten, die sie benötigen, um zu wachsen, zu konkurrieren und erfolgreich zu sein – hier in Europa.“ Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, neue Ideen hervorzubringen. Europa gelingt dies bereits heute. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Finanzierungsstrukturen an die Realität einer wissens- und innovationsgetriebenen Wirtschaft anzupassen.

Denn erst wenn geistiges Eigentum im Finanzsystem ebenso selbstverständlich berücksichtigt wird wie klassische Vermögenswerte, kann Europa sein Innovationspotenzial vollständig ausschöpfen – und einen Teil der Wettbewerbsfähigkeitslücke schließen, die derzeit so intensiv diskutiert wird.

 

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