Benachrichtigung Pfeil nach links Pfeil nach rechts Merkliste Aufklappen Kommentare Abspielen Pause Abspielen Wiederholen
Anzeige
Experteninterview mit Ingo Schumann, KFW

"Nachhaltigkeit: Motor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit"

Grüne Investitionen dienen nicht nur dem Klimaschutz, sondern können zu einem zentralen Wachstumstreiber für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden. Davon ist Ingo Schumann, Leiter des Geschäftsbereiches Mittelstandsbank & Private Kunden der KfW, überzeugt. Doch viele Unternehmen zögern derzeit angesichts der schwachen Konjunktur, hoher Energiepreise und geopolitischer Unsicherheiten. Im Interview erklärt er, warum gerade jetzt der richtige Moment für Investitionen in Zukunftstechnologien ist und welche dabei besonders wichtig werden könnten.


Herr Schumann, die letzten Jahre waren für den deutschen Mittelstand nicht einfach. Wie nehmen Sie die Stimmung aktuell wahr? 

Wir können ein genaues Stimmungsbild zeichnen, da wir zum einen mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sowie mit deren Banken sprechen. Darüber hinaus misst unser KfW Research die Stimmung durch regelmäßige Befragungen, zum Beispiel mit dem KfW-Mittelstandspanel und dem KfW-ifo-Mittelstandsbarometer. Das Bild ist klar: Der Mittelstand ist nach wie vor robust, die Ertragslage und die Kapitalstärke sorgen für eine gewisse Widerstandskraft. Gleichzeitig beobachten wir schon länger, dass die Investitionsbereitschaft insgesamt nachlässt. Dies hat auch Folgen für Investitionen in zukunftsweisende Technologien.

Ingo Schumann
Ingo Schumann ist Leiter des Geschäftsbereiches Mittelstandsbank & Private Kunden bei der KfW. Er ist verantwortlich für die inländischen bankdurchgeleiteten Kreditprogramme sowie für Bildungsfinanzierungen und Zuschüsse im Direktkundengeschäft.


Woran liegt das?

Derzeit dominieren Themen wie das stagnierende Wirtschaftswachstum, der Fachkräftemangel, Probleme in globalen Lieferketten und geopolitische Krisen die öffentliche Debatte und sind auch für KMU stärker in den Vordergrund gerückt.
 

Ist Nachhaltigkeit also kein wichtiges Thema mehr für den Mittelstand?

Das kann man so nicht sagen. Viele Unternehmen beschäftigen sich weiterhin gezielt mit dem Themenfeld ESG, das heißt mit Environmental-, Social- und Governance-Aspekten, auch weil sie darin einen wichtigen Wettbewerbs- und Wirtschaftsfaktor sehen. Gleichzeitig rückt der aktuelle Anstieg der Öl- und Gaspreise infolge des Konfliktes im Nahen Osten die notwendige Abkehr von fossilen Energieträgern wieder stärker in das Bewusstsein der Unternehmen. Staatliche Förderung kann in dem Kontext kraftvolle Investitionsanreize zur Unterstützung des Mittelstandes setzen.
 

Die KfW hat gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Deloitte kürzlich eine Studie herausgegeben, die den Zusammenhang von Dekarbonisierung, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum untersucht.  Was sind die zentralen Erkenntnisse?

Die Studie zeigt, dass Nachhaltigkeit das wirtschaftliche Wachstum und die Effizienz von Unternehmen fördern kann. Grüne Wachstumsmärkte wie Solarenergie oder E-Mobilität legen jährlich zwischen sieben und zehn Prozent zu. Wir sehen das Potenzial, dass sich diese Märkte in weniger als zehn Jahren verdoppeln und sich bis Mitte des Jahrhunderts sogar vervierfachen könnten. Doch das funktioniert nur, wenn wir jetzt auf Schlüsseltechnologien setzen und damit nicht nur die Basis für die Transformation, sondern auch für einen Wachstumsschub von Unternehmen schaffen. Deshalb sagen wir als KfW: Gerade jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Investitionen. Wer wartet, verpasst Chancen.

 

Welche Technologien könnten Mittelständlern dabei helfen, sich in den nächsten Jahren im internationalen Wettbewerb zu behaupten?

Aus unserer Sicht gibt es drei zentrale Schlüsseltechnologien, die für deutsche Unternehmen auf dem Weltmarkt enorme Chancen bieten. Das sind zum einen Künstliche Intelligenz (KI) und Datenökonomie. KI wird definitiv zum Standard werden, um Produktionsprozesse zu optimieren und Ressourcen einzusparen. Der Anteil der deutschen KMU, der bereits KI einsetzt, hat sich in den letzten Jahren massiv erhöht, auf rund 20 Prozent. Doch da ist noch Luft nach oben. Wenn deutsche Mittelständler weiterhin in KI investieren, kann die Technologie zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden.

 

Wenn deutsche Mittelständler weiterhin in KI investieren, kann die Technologie zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden.
Ingo Schumann

 

Welche weiteren Schlüsseltechnologien sehen Sie?

Intelligente erneuerbare Energiesysteme stehen im Zentrum der Dekarbonisierung. Dazu zählt auch der Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Deutsche KMU besetzen hier bereits wichtige Nischen von Zulieferketten, zum Beispiel für Elektrolysekomponenten. Daneben sind Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft äußerst wichtige Themen, bei denen sich Deutschland in einer guten Ausgangsposition befindet. Wer Material einspart und die Abhängigkeit von volatilen Rohstoffimporten reduziert, verschafft sich einen strategischen Wettbewerbsvorteil und reduziert sein Risiko, von Lieferschwierigkeiten betroffen zu sein.
 

Die wenigsten Mittelständler können Investitionen in derartige Technologien allein aus Eigenkapital stemmen. Welche Finanzierungsmöglichkeiten bietet die KfW?

Für nahezu jedes Vorhaben gibt es Fördermöglichkeiten für mittelständische Unternehmen. Mit dem ERP-Förderkredit KMU (365, 366) fördern wir als KfW grundsätzlich alle Investitionen von KMU. Für nachhaltige Investitionen gibt es außerdem die Klimaschutzoffensive für Unternehmen (293). Sie ist unser zentrales Förderinstrument, um den Mittelstand an die EU-Taxonomie heranzuführen, die Kriterien für klimafreundliche Wirtschaftstätigkeiten vorgibt. Dazu kommen die Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft (295), das KfW-Umweltprogramm (240) und das KfW-Energieeffizienzprogramm für Produktionsanlagen/-prozesse (292) sowie Programme zur Förderung von energieeffizientem Neubau und Gebäudesanierung. Welches Programm zu einem Unternehmen am besten passt, wissen die Förderspezialist:innen der Hausbanken.


Wie funktioniert die Förderung mit der Klimaschutzoffensive für Unternehmen?

Mit dem Programm fördern wir alles, was Treibhausgase verringert, vermeidet oder abbaut und gleichzeitig dabei hilft, die Energiekosten zu senken. Wir übersetzen dabei die Kriterien der EU-Taxonomie in fünf verschiedene Module. Das können etwa Erneuerbare-Energie-Anlagen, Anlagen zur Erzeugung von Wasserstoff oder auch Batterien sein. Das Programm steht für alle Unternehmen offen. Wer sich dafür interessiert, kann einfach über seine Hausbank einen Antrag stellen.
 

Welche Vorteile habe ich als Unternehmer:in, wenn ich Förderprogramme der KfW in Anspruch nehme?

Der Vorteil gegenüber marktüblichen Krediten liegt vor allem in den günstigeren Zinssätzen. Außerdem bieten einige Förderprogramme attraktive Tilgungs- oder Investitionszuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Das macht Transformationsprojekte attraktiver, besonders für KMU. Wer eine solche Förderung nutzt, kann früher und umfassender in Zukunftstechnologien investieren. Das zahlt sich strategisch aus.

 

Nachhaltigkeit ist ein Motor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, wenn wir sie richtig einsetzen. Der Weg mag lang sein, aber mit jedem Schritt kommen wir dem Ziel näher.
Ingo Schumann

 

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wie ist die deutsche Wirtschaft auch in fünf oder zehn Jahren wettbewerbsfähig?

Der künftige Erfolg der deutschen Wirtschaft wird stark davon abhängen, wie gut die „Twin Transformation" gelingt, also das Zusammendenken von digitaler und ökologischer Transformation. Nachhaltigkeit ist ein Motor für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit, wenn wir sie richtig einsetzen. Der Weg mag lang sein, aber mit jedem Schritt kommen wir dem Ziel näher.
 



 

Artikel teilen