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„Ohne das Ehrenamt würde unser Gemeinwesen nicht existieren können“

Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Wie würde unsere Gesellschaft ohne sie aussehen? Und wie honoriert man ihren Einsatz am besten? Das erklärt Soziologe Sascha Liebermann im Interview.

Ob in der freiwilligen Feuerwehr, in der Geflüchtetenhilfe oder beim lokalen Schwimmverein: Es gibt in unserer Gesellschaft unzählige Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren und damit die Gemeinschaft aktiv mitzugestalten. Laut dem Innenministerium sind fast 29 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich tätig. Das klingt nach einer Menge – doch es könnten noch mehr sein. Viele haben nämlich gar nicht die Möglichkeit, sich ehrenamtlich einzubringen: Denn wer viel arbeitet, hat kaum Zeit, um nachmittags mit Kindern Fußball zu trainieren oder in der örtlichen Suppenküche zu helfen.

Damit auch jeder Bürger und jede Bürgerin die Chance hat, sich ehrenamtlich fürs Gemeinwohl einzusetzen, müsste die Einkommensfrage geregelt sein, erklärt Sascha Liebermann, Professor für Soziologie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Er forscht zu ehrenamtlichem Engagement und war selbst schon in mehreren Vereinen aktiv. Im Interview erläutert er, warum unsere Gesellschaft auf ehrenamtliche Helfer und Helferinnen angewiesen ist und wie man sie am besten honorieren kann.

Herr Liebermann, was genau versteht man unter dem Begriff „Ehrenamt“?

Der Begriff ist etwas unscharf. An der Wortbedeutung haftet, dass man hier einen Dienst der Ehre wegen leistet und nicht andere Ziele verfolgt. Man könnte auch von bürgerschaftlichem Engagement sprechen, das macht ein bisschen deutlicher, worum es eigentlich geht. Denn wir sind Bürger einer Gemeinschaft und engagieren uns aus diesem Zusammenhang heraus.

Welche Funktion hat das Ehrenamt in unserer Gesellschaft?

Im Ehrenamt dienen wir unserer Gemeinschaft – um ihrer selbst willen. Es gibt keinen anderen Zweck. Die Gemeinschaft lebt von uns und wir von der Gemeinschaft. Wir hätten zum Beispiel keine Parteien, wenn es nicht dieses ehrenamtliche Engagement gäbe. Denn die wenigsten, die sich in Parteien einbringen, haben dort eine hauptamtliche Stelle. Das Parteileben würde nicht existieren, und damit wäre die öffentliche Willensbildung beeinträchtigt. Das gilt aber auch für Wohlfahrtsorganisationen, die sehr viele Freiwillige an sich binden. Das ganze Vereinsleben in Deutschland lebt ebenso wie der Breitensport davon, dass Trainer ihre Zeit aufwenden, um Jugendmannschaften zu betreuen. Wenn wir das Ehrenamt nicht hätten, dann würde unser Gemeinwesen nicht existieren können.

Gibt es strukturelle Barrieren, die Menschen von ehrenamtlichem Engagement ausschließen?

Das Einkommen ist so ein Punkt. Wenn das Geld so knapp ist, dass sie kaum über die Runden kommen und mehrere Tätigkeiten aufnehmen müssen, oder auch wenn sie Kinder zu Hause haben oder jemanden pflegen müssen, dann können sie sich nicht einbringen, ohne dass es ihre Kapazitäten übersteigt. Es gibt auch Selektion bezogen auf soziale Milieus. Das sehen wir beim Fußball. Das ist zwar ein Breitensport mit vielen Vereinen, es engagieren sich aber auch nicht alle sozialen Milieus. Manche halten Abstand, weil das ihnen zu wenig distinguiert ist, die üben dann lieber einen gehobeneren Sport aus, Tennis, Hockey oder Golf etwa. Für jemanden, der nicht dazugehört, kann es durchaus eine Hürde sein, beizutreten.

Sascha Liebermann ist Soziologe und forscht unter anderem zu ehrenamtlichem Engagement.

Wie kann man es mehr Menschen ermöglichen, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Dazu müsste man die Not abwenden, von einer Erwerbstätigkeit leben zu müssen. Wir erwarten gesellschaftlich, dass der Einzelne sich in der Erwerbstätigkeit einbringt, um so sein legitimes Einkommen zu erzielen. Sie können sich erst im Ehrenamt engagieren, wenn sie die Einkommensfrage gelöst haben. Dafür müsste es so etwas wie eine Mindesteinkommenssicherung geben, wie sie in der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen gefordert wird.

Kann man sagen, dass der Staat seine eigenen Pflichten über das Ehrenamt an engagierte Bürger*innen auslagert?

Das kann schon passieren, und das ist immer auch eine Gratwanderung. Nehmen Sie beispielsweise die „Tafeln“ in Deutschland. Die leisten einen wichtigen Dienst – eine Akutversorgung mit Lebensmitteln für Menschen, die kein ausreichendes Einkommen haben. Der Dienst der Tafeln ist wichtig, sie erreichen viele Menschen. Aber hier muss man klar sagen: Es könnte eine staatliche Aufgabe sein, entsprechende Personen mit Einkommen zu versorgen.

Es gibt aber auch Situationen, da kann der Staat nicht schnell genug Hilfe leisten. Und zwar aufgrund der Wege, wie Entscheidungen getroffen werden müssen, weil es um öffentliche Mittel geht und weil Entscheidungen demokratisch legitimiert sein müssen. Denken Sie an das Jahr 2015, als sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Da war der deutsche Staat gar nicht in der Lage, so schnell Unterbringungen zu organisieren. Das haben oft Bürger abgefangen – auch teils in Überforderung. Das ist schon eine Extremsituation gewesen. Aber ohne das Engagement der Freiwilligen wäre das alles nicht gut gegangen. Auch hier kann man fragen: Sollten wir uns nicht besser präparieren für solche Situationen? Egal, wie die Antwort ausfällt, eins ist klar: Das bürgerschaftliche Engagement ist in Notlagen viel schneller und unkomplizierter als der Staat oder die staatlichen Organisationen.

Wir als Gemeinschaft müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sehr wir auf diese freiwilligen Helferinnen und Helfer angewiesen sind.
Sascha Liebermann, Soziologe

Würde unser Sozialsystem ohne Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, überhaupt funktionieren?

Man darf das nicht gegeneinanderstellen. Die staatlichen Aufgaben können nicht ersetzt werden durch das bürgerschaftliche Engagement. Und das bürgerschaftliche Engagement kann auch der Staat nicht ersetzen. Der Staat garantiert bestimmte Dinge, die Bürgerinitiativen gar nicht garantieren können.

Gibt es Bereiche, in denen man es vermeiden sollte, sich ehrenamtlich zu engagieren?

Generell immer dort, wo Menschen in Krisen sind, sind Freiwillige tendenziell überfordert. Da muss man sehr aufpassen. Es gibt aber auch das Freiwilligenjahr im Ausland, in dem zum Beispiel junge Leute nach der Schule nach Südamerika gehen und in Schulen unterrichten – ohne pädagogische Erfahrung und ohne Ausbildung dafür. Das finde ich bedenklich. Da wären ein bisschen mehr Demut und sorgfältigeres Überlegen, was man damit vielleicht vor Ort anrichten kann, angebracht. Die Motive sind ehrenhaft, das ist nicht der Punkt. Aber man überschätzt sich und unterschätzt die Folgen, die das eigene Engagement haben kann. Da sollten wir vorsichtiger sein.

Wie honoriert man das Ehrenamt am besten?

Die Möglichkeit, sich zu engagieren, ist wichtig. Wir als Gemeinschaft müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie sehr wir auf diese freiwilligen Helferinnen und Helfer angewiesen sind. Es ist aber so, dass die Erwerbsnorm alles andere überdeckt. Viele sagen: „Ehrenamtlich engagieren können Sie sich gerne, wenn Sie vorher richtig gearbeitet haben.“ Daran merkt man: Es gibt eine Art Gefälle zwischen der Erwerbstätigkeit und dem Ehrenamt. Wenn man das nicht mehr haben will, müsste man einen Weg finden, Menschen zu ermöglichen, selbst zu entscheiden, wo sie einen Beitrag leisten wollen. Entweder in beiden Bereichen Ehrenamt und Erwerbstätigkeit, nur im Ehrenamt oder nur in der Erwerbstätigkeit.

 

Eine Woche Zukunft

Ehrenamt ist wichtig. Aber wie können wir Menschen ermuntern, sich mehr zu engagieren? Und was sollte der Staat dafür tun? dm feiert in diesem Jahr unter dem Motto „Lust auf Zukunft“ 50-jähriges Jubiläum und bringt auf der Zukunftswoche vom 25. bis zum 29. September namhafte Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, Medien und Kultur miteinander in den Dialog. Im Vordergrund stehen dabei die fünf Zukunftsthemen: Das Ich im Wir, Ökologische Zukunftsfähigkeit, Kinder und Jugendliche, Neue Arbeitswelten und Gesundheit. Für diese Themen engagiert sich dm gemeinsam mit vielen Partnern.

 

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