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Engagement – warum wir anderen helfen

Menschen sind soziale Wesen, das ist uns angeboren. Familientherapeutin Christine Ordnung erklärt, wie das Geben und Nehmen in Beziehungen funktioniert – und worauf man als Helfer oder Helferin achten sollte.

 

Frau Ordnung, warum helfen wir anderen Menschen?

Wenn ich anderen helfe, bin ich direkt im Kontakt mit einer anderen Person, fühle mich wertvoll und wirksam. Oft bekommt man ein direktes Feedback auf das eigene Handeln. Das ist sicher für einige Menschen eine Motivation, Hilfe zu geben. Wer das Helfen zu seinem Beruf gemacht hat, sollte regelmäßig Begleitung und Hilfe bekommen, um sich selbst nicht zu vergessen und gegenüber dem Job nicht abzustumpfen. Wenn Personen auf Hilfe angewiesen sind und andere Personen ihnen Hilfe geben, entsteht leicht ein Ungleichgewicht, was niemandem guttut.

Zu helfen kann auch Teilhabe bedeuten. Alle kennen das: Wenn man ein großes Fest mitorganisiert, macht das viel mehr Spaß, als nur „Konsument“ zu sein. Auch hier spielt Selbstwirksamkeit eine Rolle: Ich merke, dass mein eigenes Handeln zu konkreten Ergebnissen führt. Das fühlt sich gut an.

Christine Ordnung ist Leiterin des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie und Beratung (ddif) und Co-Leiterin des Projekts „Empathie macht Schule“. Zusätzlich coacht sie Menschen, die in helfenden Berufen arbeiten.

Helfe ich demzufolge vor allem, weil es sich für mich gut und sinnhaft anfühlt?

Das ist sicher ein Aspekt, aber nicht der einzige. Menschen sind soziale Wesen, wir haben eine Veranlagung, füreinander da zu sein. Oder genauer: miteinander zu kooperieren. In unserer Evolutionsgeschichte haben wir soziale Systeme entwickelt, die auf gegenseitiger Unterstützung und Zuarbeit beruhen: ein Geben und Nehmen.

Dieses Kooperieren geht gut, solange sich nicht einzelne Menschen in ihrer Integrität verbiegen und ihre Individualität aufgeben müssen. Denn dann gerät etwas in Schieflage. Für Menschen in helfenden Berufen kann dies ein Problem werden, weil eine gewisse Asymmetrie in der Beziehung zu der hilfsbedürftigen Person von vornherein angelegt ist.

Kann es also auch belastend sein, anderen zu helfen?

In sozialen Berufen, aber auch in privaten Beziehungen ist es sehr wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und auf das eigene Engagement zu achten. Sonst besteht die Gefahr, auszubrennen. Empathie für die Mitmenschen ist extrem wichtig. Doch ich muss unbedingt auch empathisch mit mir selbst sein, damit ich auf andere achten kann. Ich arbeite in dem Projekt „Empathie macht Schule“, das Helle Jensen ins Leben gerufen hat, um unter anderem Pädagog*innen dafür zu sensibilisieren. Zu helfen ist immer meine eigene Entscheidung, und ich kann auch sagen, wann es mir zu viel wird. Das ist für die, die Hilfe bekommen, entlastend. Pädagog*innen bringen häufig sehr viel Empathie für die Kinder auf und klammern dabei ihre eigenen Bedürfnisse aus. Aber ich muss mich selbst in die Beziehung miteinbeziehen, um einem Kind als Mensch zu begegnen – und nicht als wäre ich eine Maschine. Gerade wenn ich sehr für meinen Beruf brenne, ist das Risiko groß, dass ich ausbrenne, weil ich über meine Grenzen hinausgehe. Wir sollten es mehr kultivieren, uns über die eigenen Möglichkeiten und Begrenzungen bewusst zu sein.

Menschen sind soziale Wesen, wir haben eine Veranlagung, füreinander da zu sein. Oder genauer: miteinander zu kooperieren.
Christine Ordnung, Familientherapeutin

Wie schafft man es als helfende Person, die Balance zwischen den eigenen und den fremden Bedürfnissen zu wahren?

Wir haben als Menschen sehr gute Kapazitäten, uns zu regenerieren, aber wir nutzen sie häufig nicht. Wenn ich als helfende Person merke, dass ich über meine Grenzen hinausgehe, muss ich kleinere und größere Pausen machen. Wenn ich vor lauter Stress plötzlich schnell und flach atme, kann es schon helfen, mich kurz aus der Situation zu nehmen und eine Atemübung zu machen. Wenn ich bei jedem Handgriff schon drei Schritte in die Zukunft denke, ist es wichtig, innezuhalten und mich auf den Moment zu konzentrieren. Ich nenne dies „Momente des Moments schaffen“, also im Hier und Jetzt präsent sein und bewusst erleben, was ich gerade tue. Diese Momente wirken regenerierend. Wiederum: Es ist extrem wichtig beim Helfen, es bewusst zu tun und sich selbst dabei im Blick zu haben. Klar ist natürlich auch, dass es in vielen sozialen Berufen strukturelle Probleme gibt, etwa Personalmangel, die einzelne Personen nicht durch mehr Achtsamkeit sich selbst gegenüber ausgleichen können. Da braucht es politische und gesellschaftliche Lösungen.

Hilfe angeboten zu bekommen ist ja eigentlich etwas Positives. Kann ich Hilfe auch ablehnen?

Das ist vollkommen in Ordnung! Ein Mensch sollte immer entscheiden können, ob er Hilfe annehmen oder ablehnen möchte. In meiner therapeutischen Arbeit ist der Begriff des Helfens eher schwierig. In Beratungsgesprächen geht es vielmehr darum, Menschen zu ermächtigen, sich selbst zu helfen und wieder in die eigene Kraft zu kommen. Das gelingt eher dann, wenn ich erst mal von der anderen Person lerne, wie sie ihr Leben bisher meistert und welche sinnvollen Strategien sie für sich kennt. Dieses Kennenlernen kreiert eine gegenseitige Beziehung, die für beide Seiten eine persönliche Entwicklung bedeutet. Dann muss nicht eine Seite der anderen für die Hilfe dankbar sein, dann haben beide einen Gewinn voneinander. Hilfreich zu sein bedeutet in vielen Fällen, andere wieder von Hilfe unabhängig zu machen. Und es bedeutet für mich unbedingt in allen Fällen, den hilfesuchenden Personen ihre Würde zu lassen oder ihnen so würdevoll und achtend zu begegnen, dass ihre Würde wieder auftaucht. Dann wird das Helfen zu einem gegenseitigen fruchtbaren Erleben. So verstehe ich die Fähigkeit von Beratenden und Therapeut*innen. Helfen ist wichtig und notwendig, in Beziehungen und auf gesellschaftlicher Ebene. Doch wir müssen lernen, es sehr bewusst zu tun und darüber zu kommunizieren, wie wir helfen.

 

Eine Woche Zukunft

Ehrenamt ist wichtig. Aber wie können wir Menschen ermuntern, sich mehr zu engagieren? Und was sollte der Staat dafür tun? dm feiert in diesem Jahr unter dem Motto „Lust auf Zukunft“ 50-jähriges Jubiläum und bringt auf der Zukunftswoche vom 25. bis zum 29. September namhafte Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft, Gesellschaft, Medien und Kultur miteinander in den Dialog. Im Vordergrund stehen dabei die fünf Zukunftsthemen: Das Ich im Wir, Ökologische Zukunftsfähigkeit, Kinder und Jugendliche, Neue Arbeitswelten und Gesundheit. Für diese Themen engagiert sich dm gemeinsam mit vielen Partnern.

 

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