Von der Forschung bis zum MedikamentVon der Forschung bis zum Medikament
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INTERVIEW: SO WICHTIG IST DIE MOLEKULARE LUPE

Von der Forschung bis zum Medikament

Welche Krankheiten benötigen neue Medikamente? Wo lässt es sich durch neueste Erkenntnisse der Wissenschaft sinnvoller in Krankheitsverläufe eingreifen, um Krankheiten zu heilen oder Lebensqualität zu schenken? Von ersten Versuchen im Labor bis zur Zulassung eines Medikaments vergehen oft deutlich mehr als zehn Jahre. Am Anfang dieser Entwicklung steht die Suche nach einem Biomolekül – dem sogenannten Target, an dem der Wirkstoff im Körper der Patienten ansetzen kann. Dazu bedarf es der sprichwörtlichen „molekularen Lupe“ – umfassender und innovativer Grundlagenforschung, an der Wissenschaftler vieler Disziplinen beteiligt sind.

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Grundlagenforschung nimmt beim internationalen Gesundheitsunternehmen GlaxoSmithKline (GSK) traditionell einen wichtigen Stellenwert ein. Mit der Übernahme der Biotechnologie-Firma Cellzome im Jahr 2012 hat das Unternehmen seine Expertise im Bereich der modernen Arzneimittelentwicklung verstärkt. Wir haben mit der Geschäftsführerin von Cellzome, Dr. Gitte Neubauer, über Diversität in der Forschung gesprochen. Und über die molekulare ‚Lupe‘, die es braucht, um die passenden Medikamente für Patienten und Ansatzpunkte für neue Wirkstoffe zu finden.

Was macht Cellzome?

Gegründet im Jahr 2000 als Spin-off des Europäischen Molekularbiologie Institutes (EMBL) hat das Forschungsunternehmen heute rund 80 Mitarbeiter*innen. Im Jahr 2012 wurde Cellzome durch das Gesundheitsunternehmen GSK als hundertprozentige Tochtergesellschaft übernommen und in den Bereich Forschung und Entwicklung eingegliedert.

Die Biotechnologie-Firma erforscht die molekularen Zusammenhänge bei gesunden und kranken Zellen, um maßgeschneiderte Ansatzpunkte für Medikamente zu finden und den Wirkmechanismus von Arzneistoffen sehr genau zu bestimmen. Dadurch können neue, präzisere Wirkstoffe gefunden werden, die ein geringeres Risiko für Nebenwirkungen haben. Das Unternehmen trägt so mit seinen Omics-Technologien dazu bei, wichtige Entscheidungen bei der Arzneimittelentdeckung, der Wahl des Targets, des Moleküls und der Dosis zu beeinflussen.

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Durch den Sitz auf dem EMBL-Campus, eines der führenden Forschungsinstitutionen in Molekularbiologie, können neue wissenschaftliche Ansätze und Technologien in enger Kooperation zwischen Cellzome und EMBL ausprobiert werden: so profitiert die wissenschaftliche Community von hochrelevanten Publikationen und GSK von der frühen Anwendung auf die Wirkstoff-Forschung.

Wissenschaftlerin und Geschäftsführerin

Dr. Gitte Neubauer ist eine der wissenschaftlichen Gründerinnen von Cellzome. Sie schloss 1994 ihr Studium der Biochemie am Imperial College in London ab und promovierte 1997 am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg in Proteomik – einer Technologie, die die Grundlage für die Gründung von Cellzome im Jahr 2000 bildete.

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Als Teil des Führungsteams von Cellzome hat Dr. Gitte Neubauer verschiedene Technologieplattformen aufgebaut. 2012, als das Unternehmen von GSK übernommen wurde, wurde sie Geschäftsführerin. Im Jahr 2011 wurde die Wissenschaftlerin vom Präsidenten der Europäischen Kommission mit dem erstmals verliehenen EU-Innovationspreis für Frauen für die Umsetzung ihrer akademischen Forschung in die kommerzielle Anwendung ausgezeichnet. Im Jahr 2014 erhielt sie die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg. Wir haben mit der Geschäftsführerin von Cellzome gesprochen.

Guten Tag Frau Dr. Neubauer, Sie haben im Moment in der Pharmaforschung viel zu tun, oder?

Dr. Gitte Neubauer: Auf jeden Fall! Wir haben allerdings immer viel zu tun, schließlich haben wir ein sehr wichtiges Anliegen: Wir wollen neue und bessere Medikamente für Patienten*innen finden, die im Moment nicht adäquat behandelt werden können!

Forschen Sie auch an einem Impfstoff gegen Corona?

Dr. Gitte Neubauer: Nein, wir hier in Heidelberg nicht, allerdings ist GSK mit mehreren Partnern sehr aktiv, um zu einer Lösung für diese Pandemie beizutragen. Wir kooperieren mit verschiedenen Unternehmen und Forschungsgruppen weltweit. Bei der Suche nach einem passenden Impfstoff steuern wir das sogenannte Adjuvans bei, ein Wirkverstärker, der die Immunantwort aktivieren soll. Besonders hervorzuheben ist die Zusammenarbeit mit Sanofi. Im September haben wir gemeinsam die Studien zur klinischen Phase 1/2 gestartet.

Was erforschen Sie dann? Was hat die Menschheit von dem, was Sie jeden Tag tun?

Dr. Gitte Neubauer: Wir haben zwei Hauptthemen: Krebserkrankungen und Erkrankungen, die auf ein dysreguliertes Immunsystem zurückzuführen sind. Hier bei Cellzome nutzen wir unsere Technologien, um sehr detailliert zu verstehen, wie Krankheiten sich manifestieren und wie Wirkstoffe tatsächlich auf molekularer Ebene wirken. Zum Beispiel schauen wir uns bei Tumoren sehr genau an, welche molekularen Veränderungen in welchen Zellen vorgehen und wie sich diese verändern, wenn sie mit einem Wirkstoff in Verbindung kommen. Unsere Omics-Technologien ermöglichen uns, die Gesamtheit der molekularen Veränderungen in Zellen und Geweben zu untersuchen: wir können sehen, welche Gene aktiv sind, wie die resultierenden Transkripte (mRNA) in Proteine übersetzt werden und welche Konsequenzen das auf die Stoffwechselprodukte (Metabolite) hat. Mit dieser molekularen ‚Lupe‘ versuchen wir, die passenden Medikamente für Patienten*innen zu finden, die wirklich davon profitieren, und natürlich auch neue Ansatzpunkte für neue Wirkstoffe zu finden.

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Was fasziniert Sie persönlich an der Forschung?

Dr. Gitte Neubauer: Mich fasziniert besonders das Gebiet, in dem wir hier arbeiten: auch wenn es manchmal ein steiniger Weg ist – es gibt doch nichts Schöneres, als mit der Vision zu arbeiten, dass wir wirklich das Leben von Patienten*innen positiv beeinflussen können. Forschung an sich ist eine sehr kreative Tätigkeit, die dann richtig Spaß macht und erfolgreich wird, wenn ein diverses Team zusammenkommt, mit unterschiedlichen wissenschaftlichen und auch kulturellen Erfahrungen.

Ist Forschung in Laboren nicht mal ein Männerjob gewesen?

Dr. Gitte Neubauer: Bei uns war das zum Glück noch nie so, und wie gesagt, Forschung profitiert wahnsinnig von Diversität!

Wie gut lässt sich Ihr Job mit Familienleben vereinbaren?

Dr. Gitte Neubauer: Ich glaube, es kommt neben flexiblen Arbeitgebern auch stark auf das private Umfeld an: Bei mir klappt das zum Glück sehr gut. Wir haben drei Kinder, die jetzt schon aus dem Gröbsten raus sind, aber für mich war es schon entscheidend, dass neben meinem Mann auch ein privates Unterstützer-Netzwerk da war.

Werden Frauen bei GSK gefördert und auch bezahlt wie Männer?

Dr. Gitte Neubauer: Aber sicher doch! Und ich bin keine Ausnahme: Bei GSK Deutschland sind 43 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt. Und nicht zuletzt ist unsere CEO Emma Walmsley die einzige Vorstandsvorsitzende eines internationalen Gesundheitsunternehmens.

Durch unser Programm „Accelerating Difference“ unterstützen wir die Entwicklung und den beruflichen Aufstieg von leistungsstarken weiblichen Führungskräften, indem wir Coaching und Unterstützung anbieten.

Wie ist ihr Team aufgestellt?

Dr. Gitte Neubauer: Bei uns ist das Verhältnis von Männern und Frauen in etwa 50:50. In meinem Führungsteam arbeitet aktuell nur ein Mann, was ein bisschen zu unausgeglichen ist. Darüber hinaus sind bei Cellzome aktuell Mitarbeiter*innen aus 16 verschiedenen Nationen beschäftigt – mit zahlreichen unterschiedlichen Expertisen und Hintergründen. Da ist vom Biologen bis zur Mathematikerin alles dabei.

Sind Frauen die besseren Chefs?

Dr. Gitte Neubauer: Ich finde es generell schwierig, zu verallgemeinern: Frauen setzen vielleicht andere Schwerpunkte, aber die Qualität von Team- und Unternehmensführung ist meiner Meinung nach völlig unabhängig vom Geschlecht.

Macht es Sie wütend, dass immer noch so wenige Frauen in Führungspositionen sind?

Dr. Gitte Neubauer: Nicht wütend – es macht mich eher traurig, dass gerade wir uns in Deutschland schwer damit tun, die Voraussetzungen zu schaffen, die mehr Frauen an die Spitze bringen. Da geht viel ungenutztes Potential verloren.

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Wie oft wird man im Freundeskreis mit dem schlechten Image der Pharmabranche aufgezogen? Muss man sich da oft rechtfertigen?

Dr. Gitte Neubauer: Nicht so oft, auch in der Pharmabranche hat sich in den letzten Jahren viel geändert – und ich arbeite gern für GSK. Unsere Top-Platzierungen beim Access-to-Medicine-Index – sechsmal in Folge Platz eins – zeigen außerdem, welchen Fokus wir auf die weltweite Gesundheit der Menschen legen. Die unabhängige Access-to-Medicine Foundation bewertet dabei alle zwei Jahre die 20 größten Pharma-Unternehmen mit dem Ziel, den weltweiten Zugang zu Medikamenten zu verbessern.

Hat sich durch Corona und der Suche nach einem Impfstoff das Image der Pharmabranche plötzlich geändert?

Dr. Gitte Neubauer: Die Bedeutung der Pharmabranche – und ganz besonders die der Forschung – ist aktuell so deutlich wie nie. Die Corona-Krise hat erneut gezeigt, wie wichtig die Entdeckung des Impfprinzips gewesen ist – nicht umsonst gilt sie bis heute als eine der bedeutendsten Errungenschaften in der Medizin. Für uns steht deshalb schon immer die Entwicklung neuer Impfstoffe im Fokus – eine Tatsache, die uns auch in der aktuellen Situation zugutekommt.

Was sagen Sie jungen Leuten, die sich überlegen, ob Sie in die Forschung gehen sollen oder nicht?

Dr. Gitte Neubauer: Kurz und knapp: Tut es, wenn ihr mit Leidenschaft dabei seid – Forschung ist nichts für Halbherzige.

Welche Schlagzeile wünschen Sie sich eines Morgens in der Zeitung?

Dr. Gitte Neubauer: Neues Krebsmedikament von GSK hilft Patienten*innen – und darunter: Heidelberger Forscher leisten entscheidenden Beitrag dazu.  

Vielen Dank für das Gespräch.

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